Die Liebe und die Zeit

Ricardo Kunz • 11. November 2024

3. Die Liebe und die Zeit


Teil 1.

Es ist einfach nur traurig, traurig, traurig… für Kinder, Freunde und die Familie. Und oft auch für die Partner - eine Beziehung endet nach langer Zeit.


Vor vielen Jahren haben Sie sich kennengelernt und tief verliebt – Nichts war schöner, als den Partner bei sich zu wissen. Sie waren auf vielen Partys, es kam irgendwann die erste eigene Wohnung und der erste richtige Job. Es war ein aufregendes und manchmal anstrengendes Leben.  Und keiner macht Fehler.

Sie haben viele Jahre lang die Fragen des Lebens gemeinsam mit Ihrem Partner beantwortet. Sie haben schwierige Situationen bewältigt, und erlebt, wie sich Umstände wieder verbessern. Sie haben die Kinder großgezogen, die jetzt ihre eigenen Wege gehen. Vielleicht haben Sie große Abenteuer wie einen Hausbau erlebt. Sie und Ihr Partner gehen einem Job nach, in dem Sie sattelfest sind. Vielleicht bieten sich noch Karrierechancen.


Kurzum – Jeder hat seinen Platz in der Welt.

Es ist doch alles super und es könnte ewig so weitergehen. Oder?


Und dann passiert es doch – die Trennung wird öffentlich.

Alle sind fassungslos und fragen sich: wie konnte es so weit kommen und wer hat Schuld? Endlose Gespräche, Unverständnis und Vorwürfe folgen. Und dann kommt meist der große Streit. Dieser dauert gefühlt ewig und lässt schwere Verwüstungen in den Seelen zurück. Am Ende bleiben nur noch das Schweigen, Bitterkeit und oft wirklicher Hass auf den Ex-Partner oder die Ex-Partnerin.

Angedeutet hatte sich das schon länger, die Zweifel wurden immer tiefer – nur wahrhaben wollte es keiner.

Aber wie kommt es dazu? Wie entsteht aus einer einst so großen Liebe der Hass oder, wie in diesem Beispiel, die völlige Entfremdung?


Teil 2.

Es liegt am Fluss der Zeit. Es liegt an den Phasen, die das Leben zwingend vorschreibt. Diese Phasen sind Naturgesetze – und diese sind unveränderlich und unvermeidlich!


Jede noch so große und tiefe Liebe unterliegt der Zeit und ihren Gesetzen. Sie altert und verändert sich.

Aus der Pubertät entwickelt sich der Erwachsene, der im Normalfall irgendwann den Kinderwunsch verspürt. Dazu gehören Rahmenbedingungen wie die Emanzipation von den Eltern bzw. der Familie, wirtschaftliche Eigenständigkeit und einiges mehr. Und eben auch ein Partner, der sich meist zufällig ergeben hat und erstmal alle Anforderungen dieser Phase erfüllte.


Und hier spielen die Prägungen aus der vorpubertären Zeit eine zentrale Rolle. Sie sind es, die uns instinktiv leiten. Sie sind es, die vorgeben, wie die ersten Schritte im eigenen Leben aussehen.


Kannten Sie sich damals so gut, dass Sie den für Sie wirklich richtigen Job begonnen haben? Oder hätten Sie aus heutiger Sicht lieber eine andere Ausbildung beginnen sollen? Kannten Sie sich so gut, dass Sie Bilder davon im Kopf hatten, wie Sie einmal leben wollen?  Selbst wenn Sie das alles wussten, hatten Sie damals schon den Mut Ihren eigenen Weg zu gehen – gegen alle Widerstände?


Das Drama an diesen Fragen ist, dass die meisten Ihrer heutigen Träume damals schon angelegt waren, wenn auch nicht so deutlich. Diese Träume und Bilder haben sich vielleicht etwas verändert, aber Sie haben sie nie ganz vergessen und sie werden nie vergehen.


Ihre Bilder werden in den 20iger und 30iger Jahren aber oft von den Anforderungen der damals aktuellen Phase überdeckt und somit verdrängt. Der Mensch neigt dazu, das Greifbare und Naheliegende zu tun. Strategisches Denken und Handeln sind ihm meist nicht eigen.


Dadurch wurden Sie aber automatisch in eine Richtung gedrängt, die sich immer weiter vom eigenen Ich, von den eigenen Bildern und Wünschen entfernt hat. Sie mussten Ihre Entscheidungen so treffen wie Sie es taten, ganz einfach, weil sie aus damaliger Sicht notwendig und logisch erschienen. Ihrem Partner erging es genauso wie Ihnen.


Wenn Sie zum Beispiel in dieser Zeit Eltern wurden, dann ergaben sich allein daraus zwingende Pflichten, die Einfluss auf Ihre Beziehungen hatten. Dazu die Partnerschaft, die sich schon deshalb veränderte, weil der Fokus naturgemäß nicht mehr auf der Innenbeziehung der beiden Partner lag. Hinzu kommen die Anfangsjahre im Job, der von Karrierewünschen und Weiterentwicklung geprägt war. Auf Partys zu gehen, war dann eben größtenteils oder ganz vorbei. Vermutlich wissen Sie heute gar nicht mehr so recht, wie man richtig auf eine Party geht und diese feiert.


Im Fluss Ihrer Zeit mussten Sie auf andere Hindernisse reagieren als den Kater am nächsten Morgen.  


Ihre ganz persönlichen Vorlieben, Neigungen und Interessen waren aber immer noch in Ihnen. Nicht weg – nur verschüttet. Ihrem Partner erging es genauso.


Und genau das wird in der nächsten Lebensphase zum Problem für Ihre Beziehungen. Die zu sich selbst, zu Ihrem Partner und zur Umwelt.  


Meist tun sich die Menschen schon schwer, überhaupt zu erkennen, was ihnen fehlt. Sie können es nicht benennen. Sie erkennen nicht einmal die Symptome als solche, da sie die Verbindung zu sich selbst verloren haben. Viele Menschen verzweifeln an dieser Wortlosigkeit. Es folgen Bitterkeit, Zynismus und der Rückzug in die eigene Selbstgerechtigkeit.


Andere Menschen wiederum führen ein „falsches“ Leben. Sie tarnen ihre Selbstaufgabe mit Eitelkeit, Egoismus und Überbewertung der eigenen Leistung. Gerne gesellen sich dann auch Süchte, wie Alkoholismus, Konsumsucht oder Geltungssucht hinzu. Alles dient ausschließlich dazu, das eigene Leben durch Ablenkungen erträglich erscheinen zu lassen. Auch häufige Job- oder Hobbywechsel sind Hinweise auf ein „falsches“ Leben.


Aber es gibt auch bei einigen Menschen die Zeit der großen Reflektion. Ausgelöst wird das meist durch Fragen wie: Ist das jetzt alles gewesen? Kommt da noch etwas? Soll ich auf diese Weise alt werden?

Den Prozess der Reflektion schaffen einige wenige Menschen allein oder mit Hilfe von Büchern, anderen Medien oder Erfahrungen wie Gotteserfahrungen oder ähnlichen Erkenntnissen. Diese wissen dann nach einiger Zeit, vielen Zweifeln, Versuchen und Fehlern, was fehlt.

Oft braucht man Hilfe, um zu sich selbst zu finden. Das kann manchmal, wenn man großes Glück hat, der eigene Partner leisten. Oft hat man dieses Glück nicht. In solchen Fällen hilft ein Therapeut oder ein Coach wie ich.


In jedem Fall bedeutet die Selbsterkenntnis eine große Veränderung im eigenen Leben und somit auch in der Partnerschaft.


Sie benötigen viel Zeit für sich und haben fast eine Abneigung gegen bisher selbstverständliche Aufgaben und Familienregeln wie Wäsche, Kochen, Putzen, Einkaufen und natürlich auch Sex. All das kennen Sie schon so lange, dass es sich einfach nur fade und grau anfühlt. Und es ist keine Änderung in Sicht.


Gerade die Lust auf Sex ist ein guter Indikator für den Zustand einer Beziehung, da er einerseits grundlegende menschliche Bedürfnisse erfüllt und andererseits von feinsten Stimmungen beeinflussbar ist. Viele Paare haben vor einer Trennung schon lange Zeit keinen Sex mehr. Auch im weiteren Sinne nicht.

 

Teil 3.

Es wird oft von Midlife-Crises gesprochen, wenn sich ein Partner trennt und im entsprechenden Lebensalter ist. Besonders dann, wenn er/sie einen neuen Partner wählt. Dabei ist es der Anfang einer neuen Phase im Leben. Das gemeinsam Erlebte und Erreichte spielt dann meist nur noch eine untergeordnete (oder keine) Rolle.


Sie interessieren sich für ungewohnte Dinge, die der Partner nicht teilen kann. Verhaltensweisen, die Sie schon immer ein bisschen genervt haben, treten jetzt viel deutlicher in Erscheinung. Sie haben das Gefühl, dass Sie Ihren Partner so gut kennen, dass Sie keine neuen Erfahrungen mit ihm machen können, dass er/sie Sie nicht mehr versteht und dass es somit unsinnig ist, über die für Sie wichtige gewordenen Dinge zu reden.


Sie haben keine Kraft mehr für sinnlos erscheinende Auseinandersetzungen.


Dann folgt das Verschweigen von Gedanken und damit das Auseinanderleben. Es ist mittlerweile zu anstrengd, sich ständig erklären zu müssen. 


Diese Änderung hängt in erster Linie mit veränderten Lebensumständen, Aufgaben und neuen Freiräumen zusammen. Aber auch mit völlig normalen hormonellen Veränderungen. Und mit der Frage: Soll es das jetzt gewesen sein? Frauen sind oft von sexuellen Fragen genervt und gelangweilt. Männer auch – nur andersrum.

Das Männer im Alter noch sexuell aktiv sind, wird ihnen oft zum Vorwurf gemacht. Von wegen: Er braucht sich doch nur zusammenzureißen…

Vergessen wird dabei oft, dass es ein Grundbedürfnis ist. Wie essen und schlafen. Bei Frauen geht dieses Bedürfnis in aller Regel wegen hormonellen Veränderungen zurück. Alles ein ganz natürlicher Vorgang – trotzdem ein großes Problem.  


Sie fühlen sich einsam – gemeinsam einsam. Dieses Gefühl ist auf Dauer so schlimm, dass Sie alles tun werden, um dieses Gefühl loszuwerden.


Es stellen sich Zweifel ein, ob Ihr Partner / Ihre Partnerin noch zu Ihnen passt oder ob man sich den Annehmlichkeiten und der Sicherheit ergeben soll. 


Dann passiert es häufig, dass Sie Ihren Marktwert auf Dating- Plattformen checken. Oder auf andere Weise, zuerst unbewusst, anfangen zu suchen. Ein bisschen flirten, ein bisschen Aufregung. 


Alles deshalb, um sich wieder selbst zu spüren.

 

Und dann fangen wir wieder oben im Text an.


Gibt es einen Ausweg? Steht am Ende zwangsläufig die Trennung? Nein – zwangsläufig ist nur der Tod.



Wie es gelingen kann, dazu schreibe ich im nächsten Beitrag.